Boardsport und Seegraswiesen – Risiken, Wissenslücken und Chancen für einen Ausgleich

Seegraswiesen: Hotspot der Artenvielfalt – und sensibel

Seegraswiesen sind die grünen Lungen unserer Ostsee. Sie filtern Nährstoffe, bieten Jungfischen Schutz, speichern CO₂ (leider weniger als vielfach kommuniziert [4]) und bremsen die Wellen. Naturschützer kämpfen zurecht für deren Schutz, denn diese Unterwasserwälder stehen europaweit unter Druck: Küstenschutzbauten, Wassertrübung, Überdüngung und Bootsverkehr gelten als Hauptgefahrenquellen [1] [2].

Boardsport im Fokus: Wingfoilen, Kitesurfen, Windsurfen – eine echte Bedrohung?

Wer mit dem Wingfoil, Kite- oder Windsurfboard unterwegs ist, bewegt sich oft im Flachwasser – also in Bereichen, in denen Seegraswiesen wachsen können. In aktuellen Naturschutzdiskussionen taucht regelmäßig die Frage auf: Schädigen wir Boardsportler die Seegrasbestände?

Kritischer Blick der Naturschützer:
Viele Naturschützer sind skeptisch. Ihre Sorge: Insbesondere das Durchfahren oder ständiges Starten und Stoppen im seichten Wasser könnten die Pflanzen schädigen oder entwurzeln. Fehlen konkrete wissenschaftliche Nachweise, wird das Vorsorgeprinzip angewendet: Lieber sperren oder lenken, als riskieren.

Perspektive der Boardsportler:
Wir Boardsportler sind naturverbunden. Niemand will bewusst Schaden anrichten. Die Realität: Moderne Foiler und Kiter meiden zu seichte oder dicht bewachsene Bereiche, weil dort der Spaßfaktor leidet (das Material verheddert sich, das Board stoppt abrupt). Die bevorzugte Wassertiefe bei Wingfoilen liegt meist über einem Meter, das Seegras reicht selten bis an die Oberfläche.

Fehlende Datengrundlage: Speziell Wingfoilen bleibt Forschungs-Nische

Weder in deutschen noch in internationalen Fachstudien finden sich bislang explizite Aussagen zum Einfluss des Wingfoilens auf Seegraswiesen. Fast alle Forschung bezieht sich auf klassische Surf-Finnen, Kiteboards oder auf Ankern und Motorboote.

Das kann zwei Gründe haben:
• Entweder wird der Effekt als gering eingeschätzt,
• oder das Thema ist schlicht noch zu wenig untersucht.

Was sagt die Wissenschaft bisher?

Das Beispiel Orther Reede

Eine der wenigen expliziten Studien für die Ostsee stammt aus der Orther Bucht auf Fehmarn (GFN, 2020):
Dort wurde die Unterwasservegetation systematisch erfasst und die Auswirkungen des Surf- und Kitesports analysiert. Das Ergebnis: Bei aktueller Nutzung konnten keine nennenswerten Schäden an Seegrasbeständen festgestellt werden. Lediglich an Ein- und Ausstiegsstellen gab es lokal begrenzte, aber nicht dramatische Spuren.

Wingfoiler wurden hier zwar nicht separat betrachtet, aber: Da das Foil in der Regel „schwebt“ und im tieferen Wasser genutzt wird, liegt es nahe, dass der Einfluss noch geringer ist als bei herkömmlichen Boards. Das Thema wird auch ausgiebig behandelt im Wingpassion-Podcast.

Wer trägt hier wirklich das Risiko?

Naturschützer mahnen zu Recht, dass Unwissenheit keine Entschuldigung sein darf. Fehlt die Datengrundlage, greift das Vorsorgeprinzip – und so wird im Zweifel gesperrt, bevor Schäden entstehen. Für die Boardsportler bedeutet das aber:
• Man fühlt sich für ein Problem verantwortlich gemacht, das möglicherweise gar nicht existiert,
• und sieht Einschränkungen, für die keine echten Belege vorliegen.

Lösungsweg: Monitoring und Dialog statt pauschaler Verbote

Statt auf Verdacht Verbote auszusprechen, wäre es fair und sachgerecht,
• den aktuellen Stand der Forschung regelmäßig zu prüfen,
• gezielt Monitoring-Projekte zu unterstützen (z.B. Erhebung von Foil-Nutzung, GPS-Daten, Drohnenmonitoring von Seegrasfeldern),
• und gemeinsam mit der Boardsport-Community umweltverträgliche Start- und Landezonen auszuweisen.

Fazit

Die Ostsee braucht Schutz – und Seegraswiesen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Die Boardsport-Community ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. Wer ehrlich hinschaut, sieht: Das Risiko durch Wingfoilen ist nach allem, was wir heute wissen, vermutlich gering – ausgeschlossen ist es mangels Daten jedoch nicht.

Am Ende sollten wir uns nicht als Gegner sehen, sondern gemeinsam für evidenzbasierte Lösungen sorgen: Wer Verantwortung zeigen will, setzt auf offene Forschung, Dialog und sinnvolle Lenkung – nicht auf pauschale Verbote.

Quellen:
[1] https://www.stiftung-meeresschutz.org/foerderung/seegraswiesen-seegras-renaturierung/
[2] https://www.studysmarter.de/studium/biologie-studium/aquatische-biologie/seegraswiesen/
[3] [GFN-Gutachten Orther Bucht 2020]
[4] https://nationalpark-ostsee.de/2024/08/01/norschleswiger-forschende-seegras-ist-kein-rettungsanker-furs-klima/